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ERNST FRIEDLI Es war zwar erst kürzlich, aber was vergangen ist, gehört ebenso unwiderruflich zur Vergangenheit, wie das Künftige noch

ZWISCHENLUEGETEN 3

ERNST FRIEDLI

Es war zwar erst kürzlich, aber was vergangen ist, gehört ebenso unwiderruflich zur Vergangenheit, wie das Künftige noch unerreicht in der Zukunft liegt. Da las ich in einer kostenlosen Gratiszeitung, dass ich mich «heute um 20 Uhr 20 und 20 Sekunden im Jahr 2020 besonders freuen» müsse, weil die Zeit 20h20min-20sec 2020 nur einmal im Leben vorkomme. Vergleichbar selten war letztmals der Augenblick 19h19min19sec 1919, und ein solcher wird erst um 21h 21min-21sec 2121 wieder vorkommen. Bis dann dürften aber auch mich weitere Beispiele definitiv nicht mehr interessieren.

Klärli und ich haben dann versucht, uns zwanzig Sekunden nach Zwanziguhrzwanzig besonders zu freuen, was ja nur eine Sekunde lang nötig war. Dann war der Moment vorbei. Wir haben dabei nicht viel gespürt, obwohl wir uns auf die Einmaligkeit dieses Zeitpunkts konzentrierten. Bereits kurz darauf sind wir wieder dem gewohnten Lauf der Zeit anheimgefallen, welcher ohne Jubiläumsgefühle auskommt. Wir sassen in unserer Stube, Klärli hat ihr abendliches Kreuzworträtsel gelöst, und ich habe in der letzten Ausgabe des «Aquarium» den Beitrag über die Aufzucht von Keilfleckenbärblingen studiert. Es ist ja klar, dass jeder Moment, jeder Augenblick wirklich nur einmal im Leben vorkommt. Ob wir ihn in seiner Einmaligkeit wahrnehmen oder nicht, ist ihm selber völlig egal. Jede Sekunde kommt aus der Zukunft auf uns zu, ist kurz gegenwärtig, und entschwindet in die Vergangenheit. Es liegt nur an uns, ob und wie besonders wir uns an ihr freuen.

* Ernst Friedli, 64, seit Jahren verheiratet mit Klärli, geborene Schönbächler. Nichtraucher und Sachbearbeiter im Rathaus, steht unter Amtsgeheimnis. Macht sich in der Freizeit Gedanken zur Weltlage und schätzt die Gegenwart, bevor sie vergangen ist.

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