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«Was wir erreicht haben, haben wir miteinander erreicht»

«Was wir erreicht haben, haben wir miteinander erreicht» «Was wir erreicht haben, haben wir miteinander erreicht»
Ein halbes Leben stand Wilfrid Schönbächler in Diensten der Genossame Dorf-Binzen. Nach 31 Jahren als Präsident blickt er zurück – und

Ein halbes Leben stand Wilfrid Schönbächler in Diensten der Genossame Dorf-Binzen. Nach 31 Jahren als Präsident blickt er zurück – und voraus.

VICTOR KÄLIN

Bevor Wilfrid Schönbächler im September 1989 zum Präsidenten der Genossame Dorf-Binzen gewählt wurde, war er bereits acht Jahre lang als Schreiber tätig. Somit stand er 39 Jahre an vorderster Front für die Genossame im Einsatz.

In seinem ersten Präsidialjahr betrugen die Jahreseinnahmen der Binzner 1,66 Millionen Franken; heute sind es 5,80 Millionen. Das Eigenkapital der Genossame Dorf-Binzen beträgt inzwischen 15,8 Millionen Franken. An der letzten Genossengemeinde mit Wilfrid Schönbächler als Präsident ist ein Genossennutzen von 200 Franken bestimmt worden. Der erste übrigens seit 39 Jahren (EA 95/20)! Ihr Vorgänger Meinrad Bingisser war 20 Jahre lang Präsident. Er war an rund 1000 Sitzungen beteiligt und hat 800 davon geleitet. Wie sieht es bei Ihnen aus? Bei mir bewegt sich das ungefähr in gleichem Rahmen. Aufgrund verschiedener Umstrukturierungen konnten wir allerdings die Sitzungszahl reduzieren. Beschäftigten Sie sich jeden Tag mit der Genossame Dorf-Binzen? Ja, das war wirklich so. Als ich noch Lehrer war, liefen viele Telefonate über die Mittagszeit oder am Abend– da war ich erreichbar.

Wie bleibt man 31 Jahre lange Präsident einer so grossen Genossame wie jene der Binzner? Es war meine grosse Motivation, als Präsident im Team zu führen. Das, was wir erreicht haben, haben wir miteinander erreicht. Immer wieder von Neuem motivierend waren auch die zahlreichen Projekte. Und ebenfalls motivierend war das Vertrauen, das die Genossenbürger und der Genossenrat mir regelmässig schenkten.

Wie ist es mit dem Lohn: Wie viel verdient man als Präsident der Binzner? Für den Schreiber, den Säckelmeister und den Präsidenten gibt es eine Pauschale. Diese wurde in den letzten 31 Jahren angehoben und beträgt aktuell 30’000 Franken pro Jahr. Als ich vor 31 Jahren begann, betrug diese Summe 10’000 Franken. Ich war und bin mir immer bewusst gewesen: Wenn ich schon einen Lohn habe, muss ich auch meine Leistung erbringen. Ich bin der Genossame etwas schuldig. So denken auch meine Vorstandskollegen. Jetzt sind Sie zwei Jahre vor der ordentlichen Frist zurückgetreten. Was gab den Ausschlag? Ich wollte die Überbauung Obere Allmeind abgeschlossen haben. Ich war dort Vorsitzender der Baukommission und somit überall engagiert. Die Überbauung ist fertig; es fehlt nur noch die Fussgängerbrücke über die benachbarte Alp.

Vor zwei Jahren an der Genossengemeinde hatte ich bereits angetönt, dass ich wahrscheinlich keine vier Jahre mehr Präsident sein werde. So konnten wir die Wahl und die Übergabe gut vorbereiten. Mit welchem Gefühl haben Sie am 26. November Ihre letzte Genossengemeinde geschlossen?

Wie üblich. Ausser, dass Vizepräsident Viktor Kälin meine Arbeit verdankt hat. Aber ansonsten unterschied sich dieses Ende nicht von anderen.

Und Ihre Emotionen?

Wegen Corona war es ohnehin keine normale Versammlung. Da blieb nicht viel Platz für Gefühlsregungen. Emotionaler war es am 10. Dezember, als ich zum Rathaus hinauf lief an meine allerletzte Genossenratssitzung … nach 39 Jahren. Da ich aber seit dem Frühjahr die Übergabe vorbereitet hatte, konnte ich Schritt für Schritt Abschied nehmen.

Kriegten Sie ein Echo?

Ja, der eine oder andere hat mich auf der Strasse schon angesprochen. Ich bin aber wegen Corona nicht so häufig im Dorf unterwegs. Und da auch das Weihnachtsessen des Genossenrates auf 2021 hat verschoben werden müssen, steht meine interne Verabschiedung auch noch aus. Wann das nachgeholt werden kann, weiss man nicht. In welcher Form hinterlassen Sie die Genossame Dorf-Binzen Ihrem Nachfolger Daniel Kälin? Ich hinterlasse die Genossame nicht; ich scheide einfach aus dem Team. Das Ganze ist ein fliessender Übergang. Was hat sich wesentlich verändert in den 31 Jahren in der Genossame Dorf-Binzen? Die Genossame hat sich klar gewandelt von der Bewirtschafterin von Wald und Land (Alpen) hin zur Immobilienverwalterin. Das prägt die Struktur der Genossame – jene des Genossenrates und jene der Verwaltung. Aktuell vermieten wir 176 Wohnungen. Unser erwirtschaftetes Plus in der Jahresrechnung geht zu 100 Prozent auf die Mieteinnahmen zurück. Der Gewinn ermöglicht es uns, sich Gedanken zu machen, wie sich die Genossame weiter entwickeln kann. Diese Frage wird in nächster Zeit das Schwergewicht sein.

Verändert hat sich auch die Arbeitsbelastung. Dank der Abtretung von Kompetenzen an die Kommissionen liegt heute die Verantwortung auf mehreren Schultern. Der 2020 realisierte Neubau des Schrähgadens zum Beispiel war das Geschäft der Weidkommission; der Genossenrat hatte in dieser Frage lediglich die Oberaufsicht. Wo sehen Sie dringendsten Handlungsbedarf? Welche Herausforderungen kommen auch auf die Binzner zu? Ich sehe die Weiterentwicklung von erneuerbarer Energie. Ich denke, da wird man von der Genossame noch hören. Und ich denke auch, dass die Genossame gerade für Industrie- und Gewerbe das Land nur noch für verdichtetes Bauen abgeben wird. Der Umgang mit den Ressourcen muss schonender werden. Wohin entwickeln sich die Genossamen und Korporationen generell? Werden Sie in zehn, zwanzig Jahren gänzlich andere Aufgaben zu erfüllen haben als heute? Der Grundauftrag der Verwaltung der Güter bleibt bestehen. Doch bin ich überzeugt, dass die Genossamen zukünftig vermehrt Visionen für den Umweltschutz entwickeln werden. Gerade Ihnen gegenüber ist die Frage natürlich ketzerisch, aber dennoch: Warum braucht es die Genossamen, insbesondere natürlich die Binzner? Könnte man deren Aufgaben nicht der öffentlichen Hand, sprich den Gemeinden, übergeben? Das sage ich klar Nein. Die ganze Güterverwaltung durch uns erfolgt mit weniger bürokratischem Aufwand. Der Genossenrat ist flexibler als ein Bezirksrat – und günstiger kommt es auch noch. Eine Genossame ist freier in ihren Entscheiden, sich zum Beispiel für die Öffentlichkeit zu engagieren … Wie meinen Sie das?

Nehmen wir den Tennisplatz, die Beachfelder, die Gartenbahnanlage oder das Hundegelände: Alle diese Vereine haben den Boden von uns zu sehr günstigen Konditionen erhalten – ohne dass die Genossame sich gegenüber weiteren Wünschen verpflichtet fühlen muss. Übrigens tragen wir ganz konkret auch Lasten für die Öffentlichkeit, wie zum Beispiel mit öffentlichen Strassen mit privatem Unterhalt.

Welche?

Zum Beispiel die Kornhausstrasse, die Wänibachstrasse inklusive Bach, die Hafnerquartierstrasse, die Gaswerkstrasse, an der wir am Unterhalt mitbeteiligt sind.

Und Sie persönlich: Wird es Ihnen ohne die Genossame nicht langweilig? Ich weiss noch nicht, wie es funktionieren wird. Jedenfalls habe ich festgestellt, dass ich im Januar bisher noch keine Termine habe. Das ermöglicht es mir aber, Sachen spontan zu planen. Ich kann die Zeit, die ich jahrelang nicht hatte, nun meiner Familie zurückgeben – bis hin zum Enkelkind. Und mein anderes grosses Hobby behalte ich ja: Die Pferde bleiben. Auch diese brauchen mich alle Tage.

«Habe im Januar noch keinen Termin in der Agenda eingetragen»: Wilfrid Schönbächler, langjähriger Präsident der Genossame Dorf-Binzen.

Foto: Victor Kälin

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