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Neue Welten im Bergdorf

Neue Welten im Bergdorf Neue Welten im Bergdorf
Die Corona-Pandemie beschert der Gemeinde mehr Sommertourismus – dafür harzt das traditionelle Wintergeschäft Ganz oben in Oberiberg, neben

Die Corona-Pandemie beschert der Gemeinde mehr Sommertourismus – dafür harzt das traditionelle Wintergeschäft

Ganz oben in Oberiberg, neben der Kirche, steht das neue, moderne Schulhaus Chilen. Wegen der Corona-Pandemie konnte die Bevölkerung den Neubau noch nicht von innen besichtigen. Dafür erlebte die höchstgelegene Gemeinde im Kanton Schwyz dank Corona im Sommer einen ungewohnten Touristenzustrom.

WOLFGANG HOLZ

Grün glänzt der Boden des grossen Gruppenraums im Schulhaus Chilen. Alles riecht noch ganz neu. In der Mitte des Zimmers, in dem auch ein Klavier steht, liegt noch kreisförmig Weihnachtsdekoration ausgebreitet. Die Kinder haben sich mit ihrer neuen Schule offensichtlich schon angefreundet. Ihre Eltern und alle anderen Oberiberger hatten dazu noch keine Gelegenheit. Für 3,75 Millionen Franken

«Wir wollten natürlich einen Tag der offenen Tür veranstalten, nachdem die Schule im Herbst fertiggestellt worden ist», sagt Gemeindepräsident Walter Marty, der auf einem Holzstuhl Platz genommen hat. «Doch dann machte uns Corona einen Strich durch die Rechnung.» Seit sieben Jahren ist Walter Marty parteiloser Gemeindepräsident Oberibergs. Doch das vergangene Jahr 2020 war auch für ihn Neuland – stellte die Virus- Pandemie auch das sonnenbeschienene, idyllische Dorf am Berg vor neue Aufgaben. Wobei der eigentliche Schulhausneubau Chilen, direkt unterhalb der Kirche, nicht gefährdet war.

Für 3,75 Millionen Franken konnte die 900-Einwohner-Gemeinde den Baukredit für das Schulprojekt stemmen: Für einen Neubau des in die Jahre gekommenen baufälligen, alten Schulhauses, das an gleicher Stelle abgerissen wurde. «Jetzt sind hier die Spielgruppe, der Kindergarten, die erste und zweite Klasse der Primarschule Moos sowie das Werken und der Handarbeitsunterricht untergebracht», beschreibt Marty das neue Raumangebot. Der Platzbedarf der gesamten Schule sei grösser geworden. «Wir sind stolz auf unsere neue Schule – den Tag der offenen Tür holen wir nach, sobald es die Corona-Situation zulässt. » Neuer Bike-Park Positiv wirkte sich das Virus auf den Sommertourismus Oberibergs aus. Die Gemeinde, die traditionell vom Wintersport lebt, will ja seit einiger Zeit neue Wege einschlagen, um Besucher im Sommer nach Oberiberg zu locken – an dessen Ortsschild noch immer das Schildchen Kurort hängt. Dies ist diesen Sommer gelungen – auch dank Corona. d«Sehr viele Leute drängte es aufgrund der Pandemie raus aus den Städten», skizziert Marty den unverhofften Zustrom von Tagestouristen in seine Gemeinde. Viele, die einfach mal frische Luft schnappen wollten. Andererseits konnte Oberiberg den neuen «KABI-Bikepark» eröffnen, der gerade Familien mit Kindern ein neues Sportangebot beschert mit verschiedenen Biketrails unterhalb des Roggenstocks.

Apropos Biketrails. Oberiberg und Unteriberg sind laut Walter Marty auch im Begriff, eine neue Bikeverbindung zwischen den beiden Gemeinden ins Leben zu rufen. Bis wann diese realisiert werden kann, steht noch nicht genau fest.

So weit so gut. Doch derzeit bereitet den Oberibergern viel mehr Kopfzerbrechen, dass die Skilifte im Ort stillstehen müssen. Grund: Die Pandemie- Schutzmassnahmen des Bundesrats und die Verfügung des Kantons Schwyz, über Weihnachten den Skiliftbetrieb wegen hoher Ansteckungszahlen einzustellen.

«Das ist für Oberiberg natürlich ernüchternd und wird zu grossen Einbussen im Wintertourismus führen – denn gerade über Weihnachten und Neujahr wird unsere Gemeinde von vielen Skifahrern besucht», sagt Walter Marty. Wobei der 44-Jährige, der hauptberuflich für die Genossame Yberg arbeitet, damit nicht nur an die zahlreichen Tagestouristen denkt, sondern vor allem an die Chaletbesitzer in Oberiberg. «Sechzig Prozent unserer Wohnungen sind ja Zweitwohnungen, und wir können nur schwer abschätzen, wie viele trotz dieser Situation kommen werden», meint er. Jüngst hat der Regierungsrat im Kanton Schwyz wieder grünes Licht für die Eröffnung der Skilifte gegeben.

Und das ist noch nicht alles. Denn Ungemach langfristiger Art in Sachen Winter- und Sommertourismus könnte Oberiberg von anderer Seite drohen. Grund: Vertragsneuverhandlungen zwischen der Hoch-Ybrig AG, die ja auf dem Gemeindegebiet Oberibergs mit Bergbahnen und Liften ein grosses Skigebiet unterhält, und drei Grundeigentümern sind wegen Unstimmigkeiten geplatzt. Dabei geht es insbesondere um die Durchleitungsrechte für Skipisten und den Laucheren- Sessellift.

Diese Suppe soll, ja muss jetzt die Gemeinde auslöffeln, indem sie zwischen den Vertragsparteien vermittelt. Spätestens bis zum nächsten Sommer sollten neue Verträge ausgehandelt sein, sonst wäre der Sommertourismus in Gefahr. «Natürlich geht es auch um Geld, aber nicht nur», gibt Marty einen Einblick in die Befindlichkeiten auf beiden Seiten. «Wenn aber alle einen guten Willen zeigen, werden wir eine Lösung finden – ja es muss eine Lösung geben», gibt sich Oberibergs Gemeindepräsident optimistisch.

Nicht zuletzt hätte eine Nichtinbetriebnahme des Laucheren- Sessellifts aber nicht nur negative Konsequenzen für den Oberiberger Tourismus, das Gewerbe und die heimische Gastronomie. Wäre der Laucheren- Sessellift künftig geschlossen, könnte dies auch zu einer Verkehrsverlagerung im Ybrig führen. Derzeit fahren schliesslich rund 60 Prozent der Hoch-Ybrig-Skifahrer zur Bergbahn-Talstation Weglosen in Unteriberg, um ins Skigebiet zu gelangen. 40 Prozent steigen über den Sessellift in Oberiberg ein. Würde Laucheren wegfallen, könnte dies laut Marty «zu unangenehmen Auswirkungen » in Unteriberg führen.

Millionen-Minus wird durch Eigenkapital ausgeglichen

Ansonsten vertraut Walter Marty auch in Zukunft auf die Vorzüge seiner auf 1130 Höhenmetern so paradiesisch gelegenen Gemeinde. Als er aus dem Schulhaus tritt, und die Sonne hinter den Wolken hervorkommt und hell die Hänge rund ums Dorf anstrahlt, sagt er: «Das ist eben Oberiberg!» Da können auch ein Minus von rund einer Million Franken im Budget und tiefer veranlagten Steuern die guten «Vibes» nicht trüben. «Das können wir mit unserem Eigenkapital ausgleichen.»

«Das ist für Oberiberg natürlich ernüchternd und wird zu grossen Einbussen im Wintertourismus führen.»

Walter Marty, Gemeindepräsident Oberiberg

«Wenn aber alle einen guten Willen zeigen, werden wir eine Lösung finden – ja es muss eine Lösung geben.»

Walter Marty

Modern und geräumig: das neue Schulhaus Chilen. Der Tag der offenen Tür soll noch im neuen Jahr begangen werden – sobald dies möglich ist. Fotos: Wolfgang Holz

Oberibergs Gemeindepräsident Walter Marty.

Der Laucheren-Sessellift ist für den Wintertourismus in Oberiberg zentral.

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