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Impfjäger

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Die Warteschlange bewegte sich langsam aber stetig an Kindersocken, Sonnenbrillen und der neuesten Frühlingsmode vorbei. Die Wartenden

BRIEF AUS DEN USA

Die Warteschlange bewegte sich langsam aber stetig an Kindersocken, Sonnenbrillen und der neuesten Frühlingsmode vorbei. Die Wartenden waren mit einem Formular und einem Kugelschreiber ausgerüstet. Die Menschen rückten etwas näher und schon bald ergaben sich die ersten Gespräche unter Fremden. Es schien, dass kurz vor dem Ziel nun alle die Vorsicht zur Seite schoben und sich innerhalb von 15 Minuten alles von der Seele sprachen, was sich in den letzten 12 Monaten aufgestaut hatte. Das Geplapper wurde lauter, mehr und mehr Wartende gesellten sich zur Warteschlange und hie und da waren aufmunternde Worte und Witze zu hören.Alle atmeten hörbar auf, als sie am Ende der Kolonne von der jungen Dame im Krankenschwestern- Outfit begrüsst wurden.

Diese Szene spielte sich vor wenigen Tagen vor dem Ankleideraum in einer der grössten Warenhauskette namens Target (Auf Deutsch: Zielscheibe) in Amerika ab. Ähnliche Szenen spielen sich seit Ende letzten Jahres in umfunktionierten Schulkantinen, in kirchlichen Mehrzweckräumen, in Gemeindesälen und in den grossen Praxisgemeinschaften ab. Als Alternative gibt es etliche Drive-Thru Kliniken. Dort wird die Impfung durchs Autofenster verabreicht. Der soziale Aspekt fehlt dabei aber.

Zum ersten Mal seit dem Ausbruch des Coronavirus treffen so viele fremde Menschen aufeinander. Seit Mitte Dezember letzten Jahres ist für viele das Licht am Ende des Tunnels in Form der Impfung in Sicht. Seit Anfang April können sich in Colorado alle Erwachsenen kostenlos impfen lassen. Jeder vierte Erwachsene des Bundesstaates hat bereits die erste Impfung erhalten und die Hälfte der Senioren sind komplett geimpft.

Die Krankenschwestern im Warenhaus führten die Impfanwärter in die umfunktionierten Ankleideräume. Sie erklärten geduldig zum hundertsten Mal die möglichen Nebenwirkungen und bestätigten den Termin für die zweite Impfung, bevor sie dann gekonnt die Spritze zum Ziel führten. Anschliessend setzten sich die Neugeimpften in den Kreis, um mögliche Reaktionen abzuwarten. Wie in einer Selbsthilfegruppe sassen etwa 15 Leute zusammen. Sie alle waren sich einig, dass der Besuch im Warenhaus ein ganz anderes Ziel hat, als das neueste kommerzielle Schnäppchen zu ergattern. Sie alle waren sich aber auch einig, dass viel Geduld und manchmal ein langer Anfahrtsweg nötig war, um das Ziel zu erreichen.

Die Logistik hinter den Impfungen ist auch in Colorado mit vielen Hürden versehen. Jede Woche verändert sich die Impfkapazität und das Angebot. Die Nachfrage nimmt explosionshaft zu. Am besten wird der Termin mitten in der Nacht im Internet reserviert. Im Notfall kommen die Impfjäger, eine 18’000-köpfige Gruppe auf Facebook, mit Rat und Tat zur Hilfe.

Die Gruppe von neu-geimpften Fremden verabschiedete sich mit dem Versprechen, sich in drei Wochen nochmals zwischen den Sockengestellen in der Zielscheibe zu treffen.

* Die Einsiedlerin Regula Grenier- Flückiger (*1973) zügelte 2007 nach Denver im amerikanischen Bundesstaat Colorado, am Fusse der Rocky Mountains. Seit 2011 wohnt sie im Nachbarort Thornton. Dort kamen 2011 Sohn Cody Frederick und 2015 Tochter Stephanie Nova zur Welt.

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