Veröffentlicht am

«Ich bin beileibe kein Missionar»

«Ich bin beileibe kein Missionar» «Ich bin beileibe kein Missionar»
Reformierte Schwyzer Kantonalkirche – am Samstag wurde Erhard Jordi zum Kirchenratspräsidenten gewählt Die Schwyzer Reformierten haben

Reformierte Schwyzer Kantonalkirche – am Samstag wurde Erhard Jordi zum Kirchenratspräsidenten gewählt

Die Schwyzer Reformierten haben eine neue Führung. Erhard Jordi steht Red und Antwort zum Präsidium und welche Ziele er in seiner Amtszeit anstrebt: «Ich möchte mit allen Kirchgemeinden im Gespräch sein.»

MAGNUS LEIBUNDGUT

Was hat Sie motiviert, für das Präsidium der reformierten Schwyzer Kantonalkirche zu kandidieren? Kirche und Glauben interessieren mich. Persönlich beschäftigt mich die Frage: Was ist Kirche in unserer Zeit? Die Menschen im Kirchenumfeld liegen mir sehr am Herzen. So freue ich mich darauf, mich im Präsidium engagieren zu dürfen.

Haben Sie erwartet, dass Sie die Kampfwahl gewinnen würden?

Es war eine Zweierkandidatur, die Chance lag bei 50 Prozent. Ich würde mich als kommunikativen Menschen bezeichnen, dem das Reformieren vom Demokratieverständnis her ein Anliegen ist: Die Mitsprache, das Mitreden des Kirchenvolkes möchte ich in den Fokus rücken. Welche Ziele verfolgen Sie als Präsident? Ich möchte mit allen Kirchgemeinden im Gespräch sein und sehe meine Aufgabe zu einem grossen Teil im Pflegen des gegenseitigen Verständnisses. Dank der Strategiekommission der Synode ist ja bereits eine Diskussion in Gang gekommen, welche Strukturen in unserer Kirche aufgebaut werden sollen. Ich wurde zum Präsidenten der Exekutive gewählt: Unsere Aufgabe ist es, einen guten Rahmen für die Kirche zu erhalten und zu pflegen. Die Richtung bestimmt die Synode, nicht der Kirchenrat. In welchen Bereichen orten Sie Defizite innerhalb der reformierten Landeskirche?

Die reformierte Kirche steht sich bisweilen selbst im Wege: Gerade in der ganzen Wertediskussion hätte sie durchaus etwas zu sagen, wird aber kaum gehört. Unsere Zeit wird durch das Coronavirus geprägt und von Corona-Gurus, die eine apokalyptische Weltordnung verkünden. Dabei wäre doch die Kirche eine Expertin für Werte, die doch jetzt gefragter sind als seit Langem. Ich bin beileibe kein Missionar. Nichts liegt mir ferner denn das Missionieren. Aber die Kirche vertritt Werte und sollte dies auch besser «verkaufen» können.

Wären Fusionen von Kirchgemeinden unter Ihrem Präsidium vorstellbar? Im Augenblick ist die Situation mit den Mitgliederzahlen in den Kirchgemeinden noch gut. Aber wir müssen uns auch mit einem Plan B befassen, falls die Zahl der Kirchenaustritte weiter ansteigt. Es wären denn auch Vereinigungen von Kirchgemeinden denkbar. Wie erklären Sie sich die hohen Austrittszahlen in der reformierten Kirche?

Die Kirche schreibt den Menschen nicht mehr vor, wie sie zu leben haben. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei! Allerdings leidet die Kirche unterdessen daran, dass ihre Bedeutung verkannt wird. Ihre Botschaft wird kaum mehr wahrgenommen. Man kann es in einem Satz zusammenfassen: Die Menschen haben den Bezug zur Kirche verloren. Wie haben sich die Umstände des Rücktritts des ehemaligen Kirchenpräsidenten Gottfried Locher auf das reformierte Kirchenwesen ausgewirkt? Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass die reformierte Kirche wegen dieses Skandals ihre Unschuld verloren hat. Die Glaubwürdigkeit der Kirchenführung hat gelitten, diejenige der Kirche an sich wohl weniger. Es gilt nun, die Geschichte schlau aufzuarbeiten und die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Wieso verlieren immer mehr Menschen den Bezug zur Kirche in diesen Zeiten? Die gesellschaftliche Entwicklung bringt viele Veränderungen mit sich: Die Menschen werden rationalistischer. Damit steigt die Zahl der Konfessionslosen mehr und mehr. Fakt ist: Der christliche Glauben verdunstet. Damit geht auch der Bezug zur Kirche verloren. Wir leben unterdessen in einer Multikulti-Welt: Im Schwyzer Kollegi gibt es hinduistische, buddhistische, islamische und christliche Schüler. Das ist ja auch schön so! In meiner Kindheit und Jugend in Muttenz war die Welt noch überschaubarer: Es gab die Reformierten – das waren die Einheimischen. Und dann gab es die Neuzuzüger, das waren die Italiener – alles Katholiken.

Kann die reformierte Kirche ihren Charakter einer Volkskirche aufrechterhalten angesichts des Mitgliederschwunds? Die reformierte Kirche lebt von und mit ihren Mitgliedern. Und da die Kirche über flache Hierarchien verfügt, können die Mitglieder mitreden. Das ist das wesentliche Element, das eine Volkskirche ausmacht. Sinkende Mitgliederzahlen sind da nicht unbedingt matchentscheidend Müsste die Kirche politischer auftreten oder vielmehr im Gegenteil davon unpolitischer? Das müssen wir eben noch herausfinden (lacht). Dass mit der Gründung der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) die Kirche sichtbarer gemacht werden soll und dass deren Präsidium quasi zum Bischofsamt ausgebaut wurde, ist von der Grundhaltung her betrachtet nicht falsch. Es war denn vielleicht einfach die falsche Person an der Spitze der Kirche. Ich bin guten Mutes, dass wir auf gutem Wege sind: Dass dank der neuen Führung die Landeskirche mehr Konturen und Profil gewinnen wird.

«Unsere Zeit wird von Corona-Gurus geprägt, die eine apokalyptische Weltordnung verkünden.» «Die Kirche schreibt den Menschen nicht mehr vor, wie sie zu leben haben – zum Glück.»

Erhard Jordi ist am Samstag in Siebnen zum Kirchenratspräsidenten der Schwyzer Reformierten gewählt worden.

Foto: Frieda Suter

Share
LATEST NEWS