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«Am Grab des Soldaten denke ich über Fanatismus nach»

«Am Grab des Soldaten denke ich über Fanatismus nach» «Am Grab des Soldaten denke ich über Fanatismus nach»
Der 69-jährige Einsiedler Paul Jud hat einen Roman über den Grabsteinvogel Alois geschrieben. Auf die Spur des Soldaten Alois Pramsohler, der

Der 69-jährige Einsiedler Paul Jud hat einen Roman über den Grabsteinvogel Alois geschrieben. Auf die Spur des Soldaten Alois Pramsohler, der im Jahr 1944 in einer Schlacht zwischen der deutschen Wehrmacht und den Amerikanern gefallen ist, hat ihn ein Star auf einem Friedhof gebracht.

MAGNUS LEIBUNDGUT

Besuchen Sie gerne Friedhöfe?

Ja, sehr, vor allem alte Friedhöfe. Ich würde von einer morbiden Lust sprechen, Friedhöfe zu besuchen. Von Friedhöfen geht eine ganz eigene Anziehungskraft aus. Sehr reizvoll finde ich etwa den Bergsteiger-Friedhof in Zermatt. Oder Kriegsfriedhöfe mit gefallenen Soldaten in Österreich, Bayern und Italien. Auf diese Weise bin ich auf den Grabstein von Alois Pramsohler auf einem Friedhof im Südtirol gestossen: Ein Vogel hat mich auf das Grab aufmerksam gemacht. Sind Sie regelmässig im Zwiegespräch mit Vögeln versunken?

Ich höre gerne Vögeln zu. Jeder Vogel tönt wieder ganz anders, hat seine eigene Sprache. Magisch war, dass dieser Star am Grab des gefallenen Soldaten eine halbe Stunde lang gezwitschert hat. Ich bin dann pfeifend mit ihm in einer Art Dialog gestanden – und der Vogel hat mir dann die ganze Geschichte von Alois Pramsohler erzählt. Was ist denn das Besondere am Grabstein von Alois Pramsohler?

Sein Grabstein war nicht nur vorne beschriftet und bebildert, sondern auch auf seiner linken Schmalseite. Näheres Hinschauen und die Begegnung mit diesem Vogel haben mich nachdenklich gestimmt. Ein Recherchieren im Internet liess dann eine schauerliche Geschichte entstehen. Der Star steht als Bote für kommende Unwetter. Seine Schwärme symbolisieren kriegerische Armeen. Steckt der Soldat Alois Pramsohler im Star? Ja, das ist so. Dank des Dialogs mit dem Vogel kam ich mir vor wie in einem imaginären Kino, in dem ein Film über diesen gefallenen Soldaten lief. Alois, Jahrgang 1913, war seit seiner Geburt im Gesicht entstellt. Sein Vater, seine Umgebung waren entsetzt. Doch der intelligente Junge machte seinen Weg: Er merkte schnell, wie man Leute beherrscht. Ein besonders hartes Ereignis liess ihn in eine Elite- Einheit der deutschen Wehrmacht eintreten.

Geschichte wirft uns schliesslich immer wieder auf uns selbst zurück: Was verbindet Sie mit Alois Pramsohler? Ich interessiere mich sehr für diese Zeit, in der Alois Pramsohler gelebt hat. Und für Menschen, die zerrissen wurden von Systemen. Pramsohler gehörte ja den Optanten an: Das waren deutschsprachige Südtiroler in Italien, die sich bei der Wahl zwischen Umsiedlung in italienischsprachige Gebiete oder «Heim ins Reich» für letzteres entschieden hatten. Pramsohler wurde dann verführt und geblendet vom Dritten Reich: Er erhoffte sich von Hitler die grosse Befreiung – und wurde schliesslich vollends getäuscht. Wie schaffen Sie es, den Vogel von einem siebzig Jahre währenden Fluch zu befreien? Da möchte ich hierzu nicht alles verraten – es steht schliesslich alles drin im Buch. Nur so viel: Alois landete einer Liebe wegen – beziehungsweise wegen des tragischen Endes der Liebe – bei den Nationalsozialisten. Weil Alois das Leben als sinnlos erachtete, ging er folglich zum Militär.

«Der Mensch vergisst schnell. Er vergisst, dass Kriege sinnlos sind und nur Verlierer kennen.»

Kann Verzeihen gelingen, wenn ein nationalsozialistischer SS-Mann im Zweiten Weltkrieg grosse Untaten verübt hat? Alois Pramsohler überschritt im Machtrausch jede Grenze, kam viel zu spät zur Besinnung. Da gab es nur noch eine Konsequenz. Alois hat keinen Frieden gefunden – und dafür steht ja der Vogel, der seit siebzig Jahren einen Fluch in sich trägt. Schliesslich geht es im Buch um Reue für seine Untaten: Der Vogel soll vom Fluch befreit werden, indem die Geschichte von Alois erzählt und geschildert wird. Ist Ihr Werk der Reue gewidmet, wenngleich just Figuren aus dieser dunklen Zeit selten Reue zeigen? Vielleicht ist Alois ein Einzelfall, das mag sein. Denn in der Tat stellt sich bei diesen Figuren aus jener Zeit selten ein Unrechtsbewusstsein ein. Ich bin aber überzeugt, dass die Zeit Wunden heilt – wenn Reue da ist und gelebt wird. Beim Grabsteinvogel Alois hat dieser Prozess schliesslich siebzig Jahre gedauert. Zeichen der Reue sind überdies auch die weissen Bänder, die exemplarisch für die Menschen im Wind flattern, die damals gehenkt wurden – von Nazis als Rache gegen die Leute der Resistenza. Welche Faszination geht vom tausendjährigen Reich aus? Die Herrenrasse ist auch heute noch aktuell: Die Unterdrückung von Juden, Homosexuellen, Zigeunern und Behinderten hat gar nie aufgehört. Auch heute noch und erst recht wieder scharen Populisten und rechtsradikale Parteien die Meute hinter sich. So manches aus unserer Zeit erinnert so sehr an die 30er-Jahre. Abgesehen davon gibt es auch heute noch Kriege. Kein Wunder angesichts dessen, dass das Kriegsende nun bereits mehr als 75 Jahre zurückliegt und damalige Zeitgenossen aussterben. Der Mensch vergisst schnell. Er vergisst, dass Kriege sinnlos sind und nur Verlierer kennen.

«Erschreckend ist, dass sich der Nationalismus heute wieder im Aufwind befindet.»

Selbstredend ist es starker Tobak, wenn heimatlos gewordene Leute auf fatale Weise irregeleitet werden. Geraten Menschen in der heutigen Zeit gleichsam in Gefahr, ihre Heimat zu verlieren?

Alois wurde gehänselt, weil er eine Hasenscharte hatte. Gleichzeitig war er intelligent, und das gab ihm Macht. Trotz dieser Intelligenz wurde Alois durch eine beispiellose Manipulation verführt – und endete als Kanonenfutter. Dann kam der Nationalismus der damaligen Zeit dazu, der just viele heimatlos gemacht hat. Erschreckend ist, dass in der heutigen Zeit gleichsam der Nationalismus im Aufwind ist. Mit der gleichen paradoxen Folge: Er macht die Menschen heimatlos. Wieso lassen sich Menschen heutzutage von Populisten in die Irre leiten? Die Menschen sind zu bequem, sich und alles zu hinterfragen. Sie wollen lieber Brot und Spiele, das genügt ihnen. Vielleicht braucht es dann noch einen Sündenbock. Bereits gibt es wieder Stimmen, die finden, Hitler hätte doch manch Gutes getan, die Wirtschaft vorangetrieben, Strassen gebaut, Waffen geschmiedet … Der Mensch vergisst schnell, erschreckend schnell.

Ist Ihnen das Schreiben dieses Romans leicht von der Hand gegangen oder fiel es Ihnen vielmehr schwer?

Die Begegnung mit dem Vogel ging am 22. August 2014 über die Bühne. Dass nun ganze sieben Jahre verstrichen sind, bis das Buch gedruckt werden konnte, hat zwei Gründe: Einerseits brauchte ich einige Zeit für die eigentliche Recherche, andererseits kam uns die Corona-Pandemie unpassend dazwischen, welche die Buchvernissage drei Mal verschieben hat lassen. Dann aber hat mich der ganze Stoff der Verführung und der Manipulation auch so sehr bedrückt, dass ich immer wieder Pausen einlegen musste. Ein Glücksfall ist denn wiederum, dass es gelungen ist, Toni Ochsner als Illustratoren des Werks zu gewinnen. Wohin bewegt sich die Welt?

Ich bin einerseits sehr optimistisch, wenn ich sehe, wie sich die Klimajugend mit Haut und Haar einsetzt, ein horrendes Problem für unseren Planeten ins Bewusstsein zu rufen: den Klimawandel. Andererseits graut es mir davon, erfahren zu müssen, dass neuerdings Hinrichtungen, als Todesstrafe, in den USA mit Zyklon B durchgeführt werden: Das Gas, mit dem in Auschwitz Juden vergast wurden. Überhaupt scheint eine Geschichtsblindheit derart überhand zu nehmen, dass Gott erbarm.

Am Freitag, um 19.30 Uhr, findet in der Brauerei «Rosengarten» an der Spitalstrasse 14 in Einsiedeln die Buchvernissage statt. Toni Ochsner stellt an der Vernissage seine farbigen Originalbilder aus.

In Meran im Südtirol ging die Übergabe der Bücher an Sonja Kienzl, Leiterin der Athesia-Buchhandlung, über die Bühne – im Beisein von Paul Jud (links) und Toni Ochsner.

Fotos: zvg

Hansjörg Ochsner stellt am 11. Juni das Buch «Grabsteinvogel Alois» von Paul Jud vor. Die Illustrationen im Werk stammen von Toni Ochsner.

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