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«Wir sind gleich in Biberbrugg»

«Wir sind gleich in Biberbrugg» «Wir sind gleich in Biberbrugg»
Ein kleiner Reisebericht über die Art und Weise, wie Menschen spontan geholfen wird Es soll noch jemand sagen, im Alltag würden sich Menschen

Ein kleiner Reisebericht über die Art und Weise, wie Menschen spontan geholfen wird

Es soll noch jemand sagen, im Alltag würden sich Menschen nicht spontan gegenseitig helfen. Die kleine Geschichte einer Zugfahrt unterstreicht dies auf ungewöhnliche Weise.

WOLFGANG HOLZ

17.20 Uhr. Freitag. Der Zug der SOB steht am Bahnhof Einsiedeln zur Abfahrt nach Wädenswil bereit. Die letzten Fahrgäste schreiten gemächlich in der warmen Abendsonne über den Perron und steigen in den Zug ein. Andere haben es sich schon in den roten Plüschsitzen gemütlich gemacht und warten darauf, dass der Zug demnächst losfährt.

Möchte beim Lokführer mitfahren Im vordersten Teil des Zuges passiert der Lokführer die letzten Sitzreihen und öffnet die Tür zu seiner Führerhauskabine. Er muss den Zug ja jetzt in die andere Richtung fahren. Er ist überraschenderweise nicht allein. Ein junger Mann um die 20 begleitet ihn. Er will offensichtlich gerne zusammen mit dem Lokführer in dessen Führerstand gehen und möchte dort bei ihm mitfahren.

«Nein, das mache ich schon wegen Corona nicht», erklärt der Lokführer dem jungen Mann. Gleichzeitig beruhigt er ihn und versichert: «Sie sind hier im richtigen Zug nach Biberbrugg. Es dauert nur eine Station, bis wir dort sind.» Verwirrt Der junge Mann, der verwirrt und leicht geistig beeinträchtigt wirkt, weiss trotzdem nicht so recht, was er nun machen soll. Er geht im Abteil auf und ab. Er kann sich nicht entschliessen, irgendwo auf den zahlreichen freien Sitzen Platz zu nehmen. Er nähert sich einem Mann, der gerade ein Buch liest: «Es ist schwierig zu kehren», sagt der junge Mann zu ihm. Der Lesende nickt ihm zu und wendet sich dann wieder seiner Lektüre zu. Eine junge blonde Frau zwei Sitzreihen weiter vorn, die den Zuggast ebenfalls beobachtet hat, dreht sich zu ihm um und wiederholt freundlich: «Wir sind wirklich gleich in Biberbrugg.» Der junge Mann weiss noch immer nicht, ob er Platz nehmen oder ob er lieber weiter im Abteil stehen will. Schliesslich geht er zu der jungen Frau und setzt sich ihr direkt gegenüber. Doch nach wenigen Minuten steht er schon wieder auf und wechselt auf die gegenüberliegende Abteilseite. Die junge blonde Frau ruft ihm hinterher: «Ich gebe Dir auf jeden Fall sofort Bescheid, wenn wir in Biberbrugg eingetroffen sind – ist das gut so?» Der Zug hält plötzlich Den jungen Mann scheint dieser erneute positive Bescheid nun sichtlich zu beruhigen. Er nimmt Platz am Fenster und harrt der Dinge. Dann bleibt der Zug unverhofft stehen – er muss auf der Ausweiche anhalten und warten, bis der Gegenzug vorbeigefahren ist. Ebenso unverhofft öffnet sich plötzlich die Tür der Führerhauskabine, und der Lokführer schaut heraus. Er sucht den jungen Mann unter den Fahrgästen, entdeckt ihn und sagt zu ihm: «Wir fahren gleich weiter. Es ist alles in Ordnung – wir sind in ein paar Minuten in Biberbrugg.» Langsam windet sich die SOB danach gemächlich entlang der Alp, fährt unterhalb der Bennauer Kirche vorbei. Alles wirkt entspannt. «Nächster Halt, Biberbrugg », tönt es aus dem Lautsprecher. Der Zug fährt in den Bahnhof ein und hält an.

Wieder öffnet sich die Tür

Doch der junge Mann rührt sich nicht und bleibt auf seinem Platz sitzen. Dann öffnet sich erneut die Tür der Lokführerkabine, und der Zugführer schaut heraus. Wieder lässt er den Blick über das Fahrgastabteil schweifen – doch aus irgendeinem unersichtlichen Grund entdeckt er den jungen Mann nicht mehr. Dabei hat dieser den Zug noch immer nicht verlassen und sitzt nach wie vor in seinem plüschenen Sitz. Da wendet sich die junge blonde Frau vom Sitz gegenüber ihm geistesgegenwärtig zu. «Du, wir sind in Biberbrugg angekommen. Du musst jetzt aussteigen! » Wie von der Tarantel gestochen, steht der junge Mann auf, packt seinen Rucksack und verlässt den Zug. Draussen auf dem Perron wirkt er irgendwie erleichtert. Er blickt nochmals auf den Zug – der jetzt losruckt und weiterfährt.

Angekommen. In Biberbrugg. Foto: Wolfgang Holz

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