Veröffentlicht am

«Den Körper voll unter Kontrolle»

«Den Körper voll unter Kontrolle» «Den Körper voll unter Kontrolle»
Interview mit Geräteturnerin Luana Gyr (18) vom STV Einsiedeln Nach der langen Lockdown- Pause freut sich Geräteturnerin Luana Gyr, morgen

Interview mit Geräteturnerin Luana Gyr (18) vom STV Einsiedeln

Nach der langen Lockdown- Pause freut sich Geräteturnerin Luana Gyr, morgen in Appenzell am Kantonalen Turnfest in Teufen zu starten. Im Interview erzählt die 18-jährige Einsiedlerin, die Lehrerin werden möchte, nicht nur über ihre Leidenschaft für gewagte Bewegungen.

WOLFGANG HOLZ

Warum turnen Sie, Frau Gyr?

Turnen ist einfach cool. Man kann beispielsweise in der Luft tolle Sachen und Tricks vollführen: Salti, Flickflacks. Es macht Megaspass und es gibt einem gleichzeitig ein gutes Gefühl, wenn man dabei seinen Körper voll kontrollieren kann. Nicht zuletzt ist Turnen natürlich auch ein Sport, der sehr schön fürs Auge ist. Ich bin eigentlich erst spät mit neun Jahren zum Turnen gekommen – über eine Willerzeller Freundin, mit der ich auf dem Trampolin gesprungen bin. Welche Turndisziplinen machen Ihnen am meisten Spass? Ich turne am Boden, am Reck, an den Ringen und mache Sprünge. Mein liebstes Gerät sind die Ringe, weil ich da hoch in der Luft schwingen kann. Diese Disziplin ist auch zum Zuschauen sehr spektakulär.

Beim Springen vom Mintrampolin mache ich Salti, gebückte und gestreckte, Schrauben oder etwa den Hecht. Bis solche Sprünge perfekt sitzen, braucht es viel Training. In den Trainings stehe ich so 4 von 10 Sprüngen, wenn ich konzentriert bin. Welches Gerät ist denn das schwierigste und das gefährlichste?

Das sind eindeutig die Ringe. Wenn man in drei, vier Metern Höhe schwingt und etwa im toten Punkt loslässt, kann man unter Umständen hart auf die Matten stürzen. Mir ist es beim Ausschwung auch schon passiert, dass ich ausserhalb der Matte gelandet bin. Und als ich einmal vom Reck gestürzt bin, habe ich mir den Ellbogen ausgekugelt, der danach wieder eingerenkt werden musste. Das war sehr schmerzhaft. Das klingt ja schon vom Zuhören schmerzhaft. Haben Sie denn bereits viele Verletzungen gehabt? Die verheerendste Verletzung, die ich bisher hatte, war, wie gesagt, mein ausgekugelter Ellenbogen. Turnen ist tatsächlich eine verletzungsträchtige Sportart. Es tut einem eigentlich immer etwas weh im Training – die Hände, die Füsse oder der Rücken bei Übungen am Boden beispielsweise. Aber man nimmt das halt in Kauf, weil man es so gerne macht. Man kann ja auch altersmässig nicht so lange turnen – ich möchte nach diesem Sommer mit den Einzeldisziplinen aufhören und nur noch die Ringe turnen. Wenn Sie Turnen im Fernsehen anschauen und das mit Ihrem Turnen vergleichen – wo sehen Sie sich da? Das ist wirklich ein ganz grosser Unterschied. Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen, schon weil man im Kunstturnen an ganz anderen Geräten turnt – am Stufenbarren statt am Reck beispielsweise. Am Boden wird auf einem grossen Rechtteck geturnt, während wir dies auf einer Bahn tun. Beim Sprung wird über einen Bock gesprungen, während wir Sprünge vom Minitrampolin aus machen. Kunstturnen ist also viel komplizierter als Geräteturnen. Wir Geräteturnerinnen sind sozusagen die Hobbyvariante. Auch fangen Kunstturnerinnen teils schon recht früh an, mit vier, fünf Jahren. Ich fände es allerdings cool, wenn man mehr Kunstturnen im Fernsehen zeigen würde – es ist einfach schön anzuschauen.

Während Corona gab es lange Zeit keine Wettkämpfe mehr. Morgen nehmen Sie nun in Appenzell am Kantonalen Turnfest in Teufen teil. Freuen Sie sich schon darauf, und was haben Sie sich vorgenommen? Wir hatten neulich schon in Galgenen einen Wettkampf. Aber ja, nach der langen Pause macht es grossen Spass, wieder an Wettkämpfen teilzunehmen. Es ist einfach nicht das Gleiche wie Training. Man trifft an so einem Anlass viele gute Kolleginnen und tauscht sich mit ihnen aus. Es macht auch Spass, sich für den Wettkampf zu schminken – das wirkt anmächeliger. Was meine sportlichen Ziele morgen angeht, würde ich mir wünschen, nicht Letzte zu werden und gut durch den Wettkampf zu kommen. Man darf nicht vergessen, dass viele während des Lockdowns gar nicht mehr trainiert haben. Ich habe von letztem Oktober bis März nicht mehr trainiert. Welche sind Ihre bisherigen grössten Erfolge? 2017 bin ich Kantonale Meisterin in der Kategorie K4 geworden. Im Geräteturnen gibt es ja sieben Kategorien, von K1 bis K7 – das sind verschiedene Leistungsstufen. Beim Eidgenössischen Turnfest 2019 in Aarau wurde ich in der Kategorie K5 unter 890 Teilnehmerinnen Achte. Und im gleichen Jahr wurde ich mit dem Team, in dem wir zu fünft turnten, Fünfter bei der Schweizer Meisterschaft. Gibt es eigentlich auch Zickenkriege unter Turnerinnen? Früher ist das vielleicht mal ein bisschen so gewesen. Aber nein, die Stimmung unter Turnerinnen ist im Grossen und Ganzen sehr friedlich und kollegial. Natürlich kann es mal sein, dass man sich persönlich darüber aufregt, wenn eine Konkurrentin etwas gewinnt, was man selbst gerne gewonnen hätte. Aber so etwas wird nicht nach Aussen getragen.

Sie sehen sehr athletisch aus. Treiben Sie auch noch andere Sportarten? Ja. Seit März letzten Jahres, also seit dem Lockdown, habe ich mit dem Biken angefangen. Ich fahre gern Mountainbike. Ich nehme diese Jahr auch erstmals hobbymässig am «Ironbike Race» teil. Drei- bis viermal pro Woche trainiere ich und fahre so jeweils zwischen 30 und 40 Kilometer. Das macht mir grossen Spass. Dabei fahre ich auch im Team Birchli – das ist eine Gruppe aus vier Jungs und mir. Mein Freund ist auch mit von der Partie. Was machen Sie am liebsten, wenn Sie keinen Sport treiben? Ich gehe ja noch auf die FMS in Pfäffikon. Die Schule nimmt also einen grossen Teil meiner Zeit in Anspruch. Ich hänge aber auch gerne mit Kollegen ab, um miteinander zu reden, Baden zu gehen oder sonst irgend etwas gemeinsam zu unternehmen. Was möchten Sie später beruflich machen?

Ich möchte gerne Lehrerin werden – entweder für die 5./6.-Klassen Primarschule oder für die Oberstufe. Es hat mir schon immer Spass bereitet, anderen etwas beizubringen.

Sie sind gerade 18 Jahre alt geworden. Haben Sie auch einen Lebenstraum? Ich würde gerne mal nach Australien und nach Hawaii reisen, die Welt ein bisschen anschauen.

«Im Training tut einem eigentlich immer etwas weh.»

Luana Gyr, Turnerin

Voll durchtrainiert und beweglich: Luana Gyr. Foto: Wolfgang Holz

Sie scheint fast in der Luft zu schweben: Die Turnerin des STV Einsiedeln am Reck. Foto: zvg

Share
LATEST NEWS