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«Vollgasfussball ist angesagt»

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Interview mit dem Meistertrainer des FC Freienbach – dem Willerzeller Michael Kälin Auf den Strassen Einsiedelns klopfen sie dem Willerzeller

Interview mit dem Meistertrainer des FC Freienbach – dem Willerzeller Michael Kälin

Auf den Strassen Einsiedelns klopfen sie dem Willerzeller Meistertrainer des FC Freienbach auf die Schulter: Michael Kälin (43) freut sich sehr über den Aufstieg in die Erste Liga, wie er im Interview erklärt. Und nicht nur das.

WOLFGANG HOLZ

Herr Kälin, sind Sie jetzt auch vom Saulus zum Paulus geworden? Sie waren ja bisher ein expliziter Kritiker der Schweizer Nati, und nun hat die Schweiz bei der Fussball-Europameisterschaft sensationell Weltmeister Frankreich rausgehauen. Was sagen Sie dazu? Ich bin natürlich positiv überrascht, und muss meine Meinung revidieren. Aber – was mich noch immer ein bisschen verrückt macht, ist die Tatsache, dass die Schweizer Nati immer erst stark unter Kritik geraten muss, bevor sie eine gute Leistung bringt. Das ist das eine. Das andere ist: Gegen starke Mannschaften spielen die Schweizer meistens gut – anders sieht es aus, wenn sie gegen Schweden oder die Ukraine spielen müssen. Gegen Spanien wird es sicher ein gutes Spiel geben. Sie haben vorhergesagt, die Nati würde gegen Frankreich 0:3 verlieren. Jetzt haben sie im Elfmeter-Schiessen gewonnen und dabei Tugenden bewiesen wie Kampfkraft und Nervenstärke, die bislang nicht unbedingt zu ihren Stärken zählten. Es waren dieses Mal auch Spieler mit von der Partie, die sonst nie zum Zug gekommen waren, wie etwa Christian Fassnacht. Es lohnt sich sicher, solche Spieler künftig stärker im Team zu berücksichtigen – und nicht immer nur auf die gleichen zu setzen. Wie gut ist die Schweizer Nati aus Ihrer Sicht wirklich, und wie weit kann sie noch kommen? Ich sage mal, dass der Halbfinal möglich ist – aber dann ist Schluss. Zu mehr reicht es nicht.

Warum?

Wenn grosse Mannschaften wie Frankreich anfangen, schnell zu spielen, dann ist es nicht mehr so einfach für die Schweiz. England beispielsweise beherrscht diese Art von Spiel ebenfalls, Belgien kann auch sehr schnell spielen. Das Tempo in die Tiefe ist heutzutage spielentscheidend, das Tiki-Taka-Passspiel von früher ist vorbei. Man sieht auch wieder viele lange Bälle. Und wenn beispielsweise Lukako, der wuchtige Mittelstürmer von Belgien, einen hohen langen Ball bekommt – wie will man gegen ihn verteidigen, wenn man hinten nicht zwei ähnlich grosse Spieler hat? Einige Favoriten sind bei der Euro inzwischen ausgeschieden – ist das jetzt plötzlich die Europameisterschaft der Kleinen oder der Überraschungen? England ist noch drin, Italien, ebenso Belgien als Nummer eins der Fifa-Weltrangliste. Man kann also nicht sagen, dass alle Grossen draussen sind. Was man aber sagen muss: Der Fussball ist viel dynamischer geworden. Heutzutage spielt man in die Tiefe statt in die Breite. Wenn man beispielsweise sieht, wie viele schnelle und dribblingstarke Spieler Italien im Kader hat, darf man froh sein, dass dieses Ball Hin- und Hergeschiebe ein Ende hat. Vollgasfussball ist angesagt. Zudem habe ich das Gefühl, dass sich alles nach England in der Premier League ausrichtet – dort wird der schnellste und beste Fussball gespielt. Deshalb bin ich auch überzeugt, dass England bei der Euro noch weit kommen kann. Und wer wird Europameister?

Italien.

Für Sie gibt es ja derzeit auch was zu feiern. Sie sind mit dem FC Freienbach Meister in der Zweiten Liga Interregional geworden. Wie sehr haben Sie sich darüber gefreut? Ich habe mich natürlich sehr gefreut über diesen Erfolg. Persönlich ist es eine Befriedigung für mich gewesen, weil nun der Druck weg ist. Den Druck mache ich mir ja immer selbst, das habe ich schon beim FC Einsiedeln gesagt. Ich habe noch nie von aussen einen Druck verspürt, das heisst, dass andere etwas von mir verlangen. Ich bin persönlich sehr ehrgeizig. Deshalb weiss ich nicht, wie es gewesen wäre, wenn wir mit dem FC Freienbach verloren hätten. Dann hätte ich wohl meine Person als Trainer infrage gestellt. Denn ich weiss nicht, ob ich nochmals die Kraft gehabt hätte für einen weiteren Anlauf. War das Meisterstück harte Arbeit?

Ja. Klar. Das hat im Februar angefangen, als das Trainieren noch verboten war. Gleichzeitig ging es stets um den Zeitpunkt, wann es wohl wieder losgeht – denn man musste die Spielzeit ja irgendwann fertig spielen. Man kann nicht zweimal eine Saison mit Null werten. Dabei musste ich den Spagat aushalten, die Spieler bei Laune zu halten, Einschränkungen in Kauf zu nehmen und trotzdem zielgerichtet etwas zu machen. Das war sehr schwierig. Die coronabedingte spielfreie Zeit dauerte sehr lange, und es gab viele Spannungen und Differenzen mit Spielern auszuhalten. Denn wenn Fussballspieler keine Matches austragen können, haben sie auch keine grosse Lust auf Training. Das kann ich durchaus nachvollziehen. Auch meine Motivation als Trainer war nicht gerade die grösste. Der FC Freienbach versucht ja seit einer gefühlt halben Ewigkeit, genauer gesagt seit 19 Jahren, in die Erste Liga aufzusteigen. Warum hat es gerade jetzt geklappt? Die Saison war dadurch sicherlich kürzer, aber es war deshalb nicht einfacher für uns. Man kann auch nicht sagen, wir hätten es in einer normal langen Saison nicht schaffen können. Wir haben ja jetzt zehnmal hintereinander gewonnen. Und wir haben in dieser kurzen Saison vier Punkte Vorsprung gehabt. Deshalb denke ich, wir hätten uns wohl auch in einer normalen Saison durchgesetzt – ohne jetzt überheblich klingen zu wollen. Ich habe wahrscheinlich schon auch meinen Beitrag als Trainer zu diesem Erfolg beisteuern können – weil ich vielleicht erstmals einen anderen Ansatz gewählt habe.

Welchen Ansatz?

Indem ich die Tugenden, mit denen ich auch beim FC Einsiedeln erfolgreich war, eingeführt habe – wie etwa Disziplin. Und zwar nicht nur auf dem Fussballplatz, sondern auch in der Kabine. Wir haben weniger Strafpunkte als bisher geholt – und das auch schon in der letzten Spielzeit. Ich habe zudem versucht, den Teamgeist mehr zu fördern, Leidenschaft unter den Spielern zu entfachen – ebenso wie Arbeitsmoral. Das haben nicht alle Spieler goutiert. Das war auf jeden Fall ein Prozess der Zeit gebraucht hat. Irgendwie hat es bei der Mannschaft Klick gemacht. Haben Sie dafür ein Beispiel?

In Einsiedeln habe ich etwa gewusst, wir haben nur den Typ Krieger als Spieler – und allen war klar, wir müssen fighten, sonst kommen wir unter die Räder. Als ich zum FC Freienbach gegangen bin, wusste ich, dass ich einige Künstler in der Mannschaft haben werde. Doch diesen Künstlern nun das Kriegerische nahe zu bringen – das war die neue Herausforderung für mich. Und ich glaube, das haben wir geschafft. Welchen Anteil am jetzigen Erfolg hat also Trainer Michael Kälin, sprich: haben Sie?

49 Prozent ( lacht).

Oder hat sich nun endlich das viele Geld, das in den Club von Sponsoren und Gönnern gepumpt wird, ausgezahlt? Wir haben letztes Jahr sehr wenige Wechsel gehabt. Das Budget wurde massiv reduziert – auch im Zusammenhang mit Corona. Wir haben nicht mehr ausgegeben, ja sogar massiv reduziert. Und man muss in der Zweiten Liga Inter von der Idee abkommen, dass eine Mannschaft ganz ohne Entschädigung erfolgreich sein kann. Übrigens geben inzwischen auch andere Fussballklubs einiges Geld aus: Der FC Rotkreuz hat etwa aus der ersten Mannschaft eine AG gemacht. Welche Chancen hat der FC Freienbach in der Ersten Liga? Das Ziel ist ganz klar der Ligaerhalt. Die Erste Liga ist schon noch einmal eine andere Dimension. Es gibt keine schlechten Fussballer mehr. Man muss physisch noch einmal zulegen. Die Athletik nimmt einen grösseren Stellenwert ein. Wir müssen quasi mit der gleichen Mannschaft eine Liga höher spielen. Wie wurde der Titel in Freienbach gefeiert?

Wir sind relativ spät am Abend mit dem Car vom Auswärtsspiel gegen den FC Grenchen heimgekommen. Im Car gabs schon Musik und Alkohol. Als wir auf die Sportanlage gekommen sind, haben viele Freunde, Fans und Donatoren schon auf uns gewartet. Wir haben dann während des Italien-Österreich- Matchs noch ein bisschen gefeiert. Und die Jungs sind später weiter nach Zürich.

Und Sie sind nicht mit?

Nein, da gehöre ich nicht mehr dazu. Wie hat Ihre Familie den Erfolg aufgenommen? Sie hat auch Freude gehabt.

Ist denn Ihre Frau begeistert, dass Sie so viel Zeit beim FC Freienbach verbringen? Begeistet darüber ist sie natürlich nicht. Aber sie weiss, wie wichtig mir das ist. Ich versuche, einen guten Weg zu finden. Wenn ich merke, dass die Familie zu kurz kommt, würde ich das sofort ändern. Ich hoffe, ich kann Familie, Erste Liga und meinen Job miteinander in Einklang bringen. Das werde ich ein Jahr lang ausprobieren. Der FC Freienbach, bei dem ich nun seit zwei Jahren arbeite, könnte es sich sicher vorstellen, mich auf Dauer weiter zu beschäftigen – falls es in der Ersten Liga gut läuft. Ich möchte mich auf jeden Fall als Trainer weiterentwickeln. Vielleicht muss ich ja auch noch die A-Lizenz nachmachen. Der finanziell karg dotierte FC Einsiedeln hat zumindest den Abstieg aus der Zweiten Liga Inter verhindert. Welche Zukunftschancen sehen Sie für den Verein? ( zögert lange) Also, wenn ich das Kader sehe, so wie es sich jetzt präsentiert, habe ich Bedenken, ob die Liga wieder erhalten werden kann. Andererseits hat die Mannschaft immer wieder bewiesen, dass sie besser spielen kann, als man es ihr zutraut. Ich hoffe, dass es dem FCE gelingt – aber es wird schwierig. Vor allem finde ich es merkwürdig, wenn man einen einheimischen Trainer, der sämtliche sportlichen Ziele erreicht hat, einfach ziehen lässt.Mit ausschliesslich einheimischen Spielern wird man sich jedenfalls nicht halten können. Was braucht es, um als Trainer erfolgreich zu sein? Einen klaren Plan. Und die Konsequenz, diesen Plan durchzuziehen, auch wenn Hindernisse im Weg stehen. Ich muss natürlich auch schauen, was für Spieler ich habe, was für eine Infrastruktur, welche Charaktere in der Mannschaft vorhanden sind. Auf dieser Basis muss man dann herausfinden, was eine Mannschaft braucht, um Erfolg zu haben.

So liessen die Spieler des FC Freienbach ihren Trainer Michael Kälin nach dem Gewinn der Meisterschaft hochleben.

Foto: zvg

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